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Veröffentlicht am: 27.06.09

„Mit Steenköhl’n un Gronot“

Lehe (sus). „Bremerhob’n Wesermünn’ Ahoi!“ Vollmundig tönt‘s baritonal aus Norbert Braunes Kehle – aber nicht gesungen. Das, klagt der Shantysänger, „is jümmer der Jammer, da hab ich eine wunderbare Liebeserklärung an Bremerhaven, wie es früher mal war – aber bloß den Text, keine Noten.“ Die sucht der 63-Jährige verzweifelt – samt dem Mann, von dem beides stammt: „Wer kennt einen Th.Krieghoff?“

Theobald? Theodor? Thomas? Musikalischer Jagdinstinkt hat Braune gepackt, den pensionierten Polizisten, der nach acht Seebären-Jahren bei der Marine von Bord ging und 32 Jahre lang am Revier Geestemünde allerlei Ganoven auf den Fersen war. „Es muss doch irgendwo noch ältere Menschen geben, die ihn gekannt haben.“ Den Mann, der – so viel, aber keinen Deut mehr haben Braunes Recherchen in Chören, im Stadtarchiv, bei der Plattdütschen Gill und im Telefonbuch bisher ergeben – in den 30er Jahren als Musiklehrer in Wesermünde wirkte und das plattdeutsche Lied textete und komponierte.

Text-Strophen und Refrain prangen Schreibmaschinen-getippt auf einem Blatt, das Braune eines Tages von der Akkordeonspielerin seines Loxstedter Shanty-Chores in die Finger gedrückt bekam, „weil ich immer nach vergessenen maritimen Liedern suche und schon 300 Tonträger voller Shantys gesammelt habe“. Aber sie wusste nicht mehr, woher sie das Blatt hatte. Unter dem Liedtitel steht „Von TH. Krieghoff“. Auf der Rückseite eine hingekritzelte private Notiz „Wir sind um 1/2 9 zu Hause. Ingeburg und Mutti.“ Ein Hinweis? Im „Örtlichen“ stieß Braune vor drei Jahren auf den einzigen Krieghoff-Eintrag, „die alte Dame war eine Verwandte und sagte, er war Musiklehrer. Sie ist dann nach Thüringen verzogen. Leider hab ich damals nicht genug nachgehakt.“ Dafür jetzt, denn: „Ich träume davon, dieses Lied zur Sail nächstes Jahr mit unserem Chor zu Akkordeon und Gitarre öffentlich aufzuführen, am liebsten in den Havenwelten, als wieder ausgebuddelte Hymne.“

GroĂźes Herz

Taugen tät’s: Die Platt-Verse riechen förmlich nach Steinkohle-Schippern, Hafenarbeit und Räucherfisch: „In Bremerhoben, Wesermünn dor geiht dat lustig her/ dor föhrt man as in ahle Tied mit Steenköhl’n noch ümher/ Granat un Buttfisch, frische Stint un vat dat all för Sorten sünd...“ beginnt es. In Strophe 4 besingt der unbekannte Bremerhavener Barde „veel smucke, dralle Deerns dor sünd, soveel as Sand an’n Meer/ de sünd so sünnig un so blied, to’n Küssen hebbt se jümmer Tied.“

Braune blinzelt: „Ist so, oder?! Das hat jemand mit großem Herzen für unsere Stadt ersonnen.“ Wenn er bloß auf die Original-Melodie stieße, in einem Keller, einem Notenstapel, einem Archiv. Wenn alle Tampen reißen, sagt er, „wär‘s ’ne dolle Sache, wenn uns ein Profi neue Noten schreibt“. Vollmundig, Dreistimmig.

„Steenköhl’n, Briketts, gröne Aale, gröne Aale, Schellfisch, frische Stint“: Norbert Braune hat sich in das alte Lied verliebt. Foto: ls


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