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Veröffentlicht am: 22.04.17

Auf Sendung: Studio Migration

Wie das Deutsche Auswandererhaus aktuelle gesellschaftliche Debatten in das Museum tragen will

Von Rainer Donsbach

Bremerhaven. Museal – das klingt immer so nach Antiquität, nach gut abgehangener Geschichte und nach „Es war einmal“. So gesehen ist das Deutsche Auswandererhaus eigentlich gar kein Museum mehr, denn das Thema Flucht und Migration ist so aktuell und brennend wie kaum ein anderes. Mit dem am Freitag eröffneten „Studio Migration“ wird dieser gesellschaftlichen Debatte eine Plattform gegeben, auf der sich Besucher und Wissenschaftler auf Augenhöhe begegnen können.

Zu diesem neuen Ort der Auseinandersetzung gehört ein professionelles Aufnahmestudio, in denen Zeitzeugeninterviews mit Auswanderern, Einwanderern und deren Nachfahren aufgezeichnet werden können. Auch Schulklassen können es nutzen, um dort eigene Aufnahmen und Podcasts aufzunehmen und direkt ins Internet zu stellen. Auszüge aus den Interviews können die Besucher später an Medienstationen hören und sehen.

„Wenn es um das Thema Migration geht, haben alle mehr Fragen als Antworten“, sagt Direktorin Dr. Simone Eick. „Bildung in Bezug auf Migrationsgeschichte ist bei vielen Deutschen gar nicht existent.“ Schüler wüssten mehr über die Völkerwanderung im Mittelalter als über zeitgenössische Entwicklungen. Diese Wissenslücken zu füllen gehört zum pädagogischen Konzept des Auswandererhauses.

An anderen Stationen des „Studios Migration“ werden Besucher um ihre Meinung zu aktuellen politischen Themen gefragt. Schon am darauffolgenden Tag werden die Ergebnisse als eine Art Stimmungsbarometer und Spiegelbild der Gesellschaft im Studio veröffentlicht. Die langfristig angelegten Befragungen, so Simone Eick, seien eine wertvolle Quelle für das Auswandererhaus, das sich immer mehr zu einem Forschungsmuseum entwickelt. Oberbürgermeister Melf Grantz (SPD) sprach von einem Bildungs- und Kompetenzzentrum, das um eine „angstfreie und diskursfreudige Vermittlung“ des Themas Migration bemüht sei.

Einzigartiges Pilotprojekt

Das Studio ist das Ergebnis eines bundesweit einzigartigen Pilotprojektes, das dank einer zweijährigen Förderung durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien zustande kam. Ebenso wie eine 62 Seiten starke Broschüre, die das Ziel aller Bemühungen in ihrem Titel zusammenfasst: „Angst in Neugierde verwandeln“. Im Vorwort dazu schreibt die Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU): „Mit diesem pädagogischen Konzept erweise sich das Museum einmal mehr als Vorreiter.“ Es stelle sich politisch-gesellschaftlichen Fragen, die vielen Menschen unter den Nägeln brennen.

Neben der Spiegelung aktueller Debatten, so Direktorin Eick, habe man es sich zum Ziel gesetzt, Vermutungen und Vorurteile durch Fakten und Zahlen zu widerlegen und die Lust am Diskutieren vor allem bei Kindern und Jugendlichen zu stärken.

In einem „Persönlichkeitstest“ können die Besucher außerdem erfahren, ob sie Gegner, Skeptiker oder Befürworter von Einwanderung sind. Anschließend werden sie danach gefragt, wie sie es eigentlich finden, von Wissenschaftlern derartig kategorisiert zu werden. Eick: „Es geht darum, diffuse und konkrete Ängste zu hinterfragen, um sie in unser Ausstellungskonzept einzubauen.“

Erster Talk im Studio Migration (von links): Direktorin Simone Eick, OberbĂĽrgermeister Melf Grantz, Auswandererhaus-Betreiber Andreas Heller und Kirsten Dick vom Bundesamt fĂĽr Migration und FlĂĽchtlinge. Scheer


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