Abo Anzeigen Service Über uns


Veröffentlicht am: 12.05.17

Kapsel reist durch den DĂĽnndarm

St.-Bernhard-Hospital führt das Verfahren der kabellosen Endoskopie ein – Mini-Kamera liefert bis zu 100000 Aufnahmen

Von Gabriele Gohritz

Brake. Sie hat die Größe eines Vitamin-Dragees. Doch statt Vitaminen enthält die kleine Kapsel eine Kamera. Die macht, hat der Patient die „Pille“ geschluckt, Bilder vom Dünndarm – mehr als 100 000 an der Zahl. Dünndarm-Kapselendoskopie heißt das Verfahren. Das hat das St.-Bernhard-Hospital neu in sein Leistungsspektrum aufgenommen.

Diese kabellose Endoskopie ermöglicht die Inspektion des gesamten Dünndarms. Der ist immerhin rund sechs Meter lang und mit bisherigen Methoden nur schwer zu untersuchen. Eine Dünndarmspiegelung, so weiß Dr. Martin Krakor, Chefarzt für Gastroenterologie und Endoskopie, ist sehr aufwendig und „belastend für den Patienten und seinen Kreislauf, weil er mehr als eine Stunde in Narkose liegt“.

Die kabellose Endoskopie ist erstmals im Jahr 2001 angewandt worden. „Bis dahin war der Dünndarm ein bleiches Feld, was die Diagnostik angeht“, berichtet der Chefarzt. Daher sei die Kapsel-Endoskopie entwickelt worden.

Bei der Untersuchung schluckt der Patient eine etwa 10 mal 26 Millimeter kleine Kapsel. Die enthält eine Kamera, Leuchtdioden und eine entsorgungsfreie Batterie. Nach fünf bis zehn Minuten ist die Kapsel im Dünndarm angekommen. Die Kamera nimmt pro Sekunde zwei bis sechs Bilder in sehr hoher Qualität auf. Die werden über einen Transmitter, den sich der Patient wie einen Walkman umhängt, an einem Empfänger geschickt, den der Patient in einem Gürtel mit sich trägt. Nach sechs bis acht Stunden wird die Kapsel ausgeschieden. Bis dahin hat sie mehr als 100000 Bilder gemacht.

Spezielle Software

Der Patient gibt den Datenträger wieder ab. Die dort gespeicherten Bilder werden auf einen PC übertragen und können mit einer speziellen Software ausgewertet werden. „Wir können uns den Dünndarm genau anschauen“, sagt Martin Krakor.

Die moderne Untersuchungsmethode wird besonders bei unklarem und chronischem Blutverlust sowie Blutarmut durch Eisenmangel eingesetzt. „Wenn durch normale Magen- und Darmspiegelungen keine Abklärung erfolgen kann“, so der Chefarzt.

Denn: Die Dünndarm-Kapselendoskopie ist eine teure Untersuchungsmethode, da die Kapsel ein Einmalmaterial ist. Rund 1500 Euro kostet allein eine Kapsel. „Diese Art der Untersuchung ist dreimal teuer als eine Darmspiegelung“, sagt der Mediziner. Auch dauert die Auswertung lange. Daher werde das Verfahren auch nicht das erste Mittel bei einer Darmuntersuchung sein: „Aber bei unklaren Krankheitsbildern wird die Kapsel speziell beim Dünndarm eingesetzt“, sagt Martin Krakor.

Er und seine Chefarzt-Kollegen nennen die Dünndarm-Kapselendoskopie ein hilfreiches Verfahren. Daher führen sie es nun am Braker Hospital ein. „Sie ist wichtig für die Diagnostik“, sagt Dr. Jan Henrik Herrfurth, Chefarzt der Allgemein- und Viszeralchirurgie. Bisher mussten Patienten an andere Kliniken überwiesen werden: „Jetzt können wir das hier ambulant anbieten.“ Die Patienten können interdisziplinär behandelt werden.

Das bedeutet auch, dass die Patienten nicht mehr weit fahren müssen. „Gerade auch für ältere Menschen ist die vertraute Umgebung von Vorteil“, ergänzt Dr. Thorsten Austein, Chefarzt der onkologische-hämatologische Abteilung.

Martin Krakor betont, das Verfahren habe wenig Risiken. Und: „Patienten mit Engstellen können mit einer sich sofort auflösenden Kapsel auch erstmals probeweise untersucht werden .“

Die kleine Kapsel, die die Kamera enthält, ist nicht größer als eine Vitaminpille.


Artikel drucken    |    Zurück